Ohne eine solche Tabelle müsste nach jedem Unfall neu ausgehandelt werden, wie schwer ein Verlust wiegt. Die Gliedertaxe nimmt diesen Streit vorweg. Sie ordnet jedem versicherten Körperteil und jedem Sinnesorgan einen festen Invaliditätsgrad zu, der beim vollständigen Verlust oder bei vollständiger Funktionsunfähigkeit gilt. Ist die Funktion nur teilweise beeinträchtigt, wird der entsprechende Bruchteil angesetzt; sind mehrere Körperteile betroffen, werden die Werte zusammengezählt und in aller Regel bei hundert Prozent gedeckelt.
Aus dem so ermittelten Grad und der vereinbarten Versicherungssumme ergibt sich die Leistung. Körperteile, die in der Tabelle nicht auftauchen, sowie innere Organe werden nach den Bedingungen danach bewertet, wie stark die normale körperliche oder geistige Leistungsfähigkeit insgesamt dauerhaft beeinträchtigt ist.
Der Finger des Schreiners
Ein Zeigefinger bleibt nach einem Maschinenunfall unbeweglich. Der Gutachter beschreibt keinen Geldbetrag, sondern den Grad der Funktionsminderung des Fingers. Die Sachbearbeitung nimmt den Wert aus der Gliedertaxe des konkreten Tarifs, multipliziert ihn mit der festgestellten Minderung und rechnet das Ergebnis gegen die Versicherungssumme. Zwei Verträge mit gleicher Summe können dabei zu deutlich verschiedenen Beträgen führen, weil viele Anbieter in der Unfallversicherung verbesserte Gliedertaxen mit höheren Ansätzen führen.
Warum die Tabelle nicht im Gesetz steht
Weil sie einheitlich klingt, wird sie oft für eine amtliche Größe gehalten. Sie stammt aber aus dem Bedingungswerk des jeweiligen Versicherers, ist Vertragsinhalt und damit verhandelbar. Ein Blick in die Tabelle gehört deshalb zu jedem Vergleich zweier Angebote, und eine Auskunft aus dem Gedächtnis ist unbrauchbar.
Der zweite Punkt wiegt im Gespräch schwerer. Die Gliedertaxe misst keinen beruflichen Nachteil und keinen Verdienstausfall. Sie bewertet den Körperteil abstrakt: Der steife Finger des Konzertgeigers bekommt denselben Prozentsatz wie der steife Finger eines Menschen, dessen Arbeit davon unberührt bleibt. Wer den Verlust des Einkommens absichern will, braucht dafür eine andere Deckung. Welche Deckung stattdessen nach dem Einkommen fragt und wie dort geprüft wird, zeigt der Artikel zur Berufsunfähigkeitsversicherung.
Dieser Begriff gehört zum Arbeitsalltag der Kaufleute für Versicherungen und Finanzen. Was der Beruf sonst verlangt, steht in der Ausbildung; was er zahlt, im Gehaltsvergleich.